Entwurf des frühmittelalterlichen Rahsegels PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail

Im Mittelpunkt dieses Beitrages steht das Rahsegel des frühen Mittelalters.

Dieses Segel wird allein, an einem einzelnen Mast aufgezogen.
Mit seiner Oberkante ist d
as mehr oder weniger rechteckige Segel an einem Rundholz befestigt - der Rah. Sie hält das Segel offen. Außer an der Rah ist das Segel nicht weiter am Mast oder an einem Stag befestigt. Es kann frei um die Vorderseite des Mastes bewegt werden.

Welche Ideen stecken hinter diesem Entwurf und wie wurden sie handwerklich umgesetzt?

Man geht im allgemeinen davon aus, dass kundige Schiffbauer wie z.B. die Wikinger, in der Lage waren, ihre Schiffe mit einem funktionstüchtigen Rigg zu versehen. Hinweise darauf ließen sich an den Resten vieler Schiffe aus dem frühen Mittelalter finden. Forschern ist es in einzelnen Fällen gelungen, unter Berücksichtigung anderer Quellen das Rahsegelrigg zu rekonstruieren. Die Funktionstüchtigkeit dieser Rekonstruktionen konnte experimentell überprüft und nachgewiesen werden. Sie stellen allerdings nur mögliche Lösungen dar.

Quellenlage

Das Rahsegel der frühen Mittelalters ist ein Phantom. Es ist kein einziges Segel aus dieser Zeit erhalten. Die wenigen erhaltenen, textilen Puzzelteile eindeutig als Segelstoffe zu identifizieren, ist schwierig, sie wieder zu einem authentischen Gesamtbild zusammenzufügen unmöglich. Das organische Material, aus dem Segel gemacht sind, ist nicht dauerhaft genug, um Jahrhunderte zu überleben. Die Segel, die sich erhalten haben sind aus anderen Materialien. Sie sind in Stein gehauen, in Holz geschnitten, in Metall geprägt. Aber weder gotländischen Bildsteine, noch Holzgraffiti oder die Münzprägungen dieser Zeit, wollen den Entwurf des Rahsegels erklären und abbilden. Sie sind nur Zeichen – Ikons – abstrahiert von einer Wirklichkeit, deren Gegenständlichkeit für uns kaum noch fassbar ist. Sie erzählen Geschichten von Wesen, Schiffen, Männern und Segeln aus einem Blickwinkel, der nicht der unsere ist. Dennoch können in ihnen Strukturen festgehalten sein, die sich auch andernorts finden und mit der Idee des Segels in Verbindung bringen lassen.

Die Fertigung von Segeln hat eine lange Tradition. Es gibt Hinweise darauf, dass sich der Aufbau von Rigg und Segel über Jahrhunderte kaum verändert hat. Gelingt es in der überlieferten Handwerkstradition Parallelen zu finden, können diese helfen, Überlegungen und praktische Abläufe zu rekonstruieren. Es empfiehlt sich dabei aber eine äußerst kritische und zurückhaltende Betrachtungsweise.

Die Meinungen über Form und Aufbau des frühen Rahsegels gehen auseinander. Das hat seine Ursache im Bezug auf unterschiedliche Quellen. Zum einen stützt man sich auf die rezente Rahsegeltradition in den skandinavischen Ländern, besonders in Norwegen, zum anderen sieht man das ikonographische Material der frühmittelalterlichen gotländischen Bildsteine als hauptsächliche Quelle.

Aufbau des Segels

gotländische BildsteineDie gotländischen Bildsteine zeigen Segel mit hervortretenden diagonalen Strukturen. Einige Forscher nahmen deshalb an, dass das Segel aus in diagonaler Richtung lose miteinander verflochtenen Bahnen bestanden haben könnte.

Nachbauten von Wikingerbooten wurden mit Segeln ausgerüstet,  die den Vorbildern auf den gotländischen Bildsteinen nachempfunden waren. Die Rekonstruktionsversuche berücksichtigten auch die im Verhältnis zum Schiff ungewöhnliche Länge der Rahsegels. Im Experiment ließen sich die Segel aufgrund ihrer Länge schlecht in Balance mit dem Schiffsrumpf bringen. Das beeinträchtigte die Am-Wind-Eigenschaften. Segelte das Boot am Wind, konnte es nur geringe Fahrt machen und hatte eine große Abdrift. Der Winkel zum Wind konnte kaum kleiner als 90° sein. Man kam deshalb zu dem Schluss, dass auf den Bildsteinen eine im Vergleich zur späteren Ausformung des Rahsegelriggs unterentwickelte Riggform dargestellt ist.

Aber es ließen sich auch Parallelen zu tatsächlichen Funden herstellen. Ein Textilfund aus dem Schiffsgrab von Gokstad, wahrscheinlich handelt es sich um das Segel des Schiffes, bestand aus hellem Wollstoff mit diagonal aufgenähten, breiten Streifen roten Tuches. Diese erinnern ebenfalls an die Muster auf den Bildsteinen von Gotland. Die Streifen könnten Verzierung oder Verstärkung gewesen sein. Wegen des schlechten Fundzustandes lässt sich ihre Funktion am Segel nicht eindeutig fassen.

Die folgende Beschreibung des Segelaufbaus orientiert sich nicht an einer hauptsächlich ikonographische Analyse.

Einfügung folgt...

Materialien

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Grundgedanken

Ein Segel funktioniert nach aerodynamischen Gesetzmäßígkeiten. Der heutige Segelmacher kennt sie und arbeitet mit ihnen. Aber auch die Alten haben die Eigenschaften eines guten Segels erkannt. Sie wußten z.B. von der Bedeutung des Profils für die Zugkraft eines Segels. Sie verwandten viel Aufmerksamkeit auf die Herstellung des Profils und die Möglichkeiten seiner Feineinstelllung.
Nicht nur der horizontale Ausschnitt des Profils war wichtig, sondern auch die Form des Profils in der Vertikalen. Das Rahsegel ist nicht direkt an einem Mast oder einem Stag befestigt, wie ein Schratsegel. Es schwingt frei, nur druch Schot und Hals am Rumpf und mit dem Rack am Mast gehalten. Auf diese Weise ähnelt es eher einem Lenkdrachen, als einer Tragfläche.
Der Winddruck im Segel entwickelt nicht nur Seitenkräfte, die das Boot krängen, sondern auch Kräfte, die das Segel steigen lassen. Das ist ein Grund, weshalb Rahsegelboote bei gleichen Verhältnissen aufrechter segeln als Schratsegelboote. Für die flachbordigen, meist auch geruderten Boote ist das besonders wichtig.

Wie hat man dem Segel das richtige Profil gegeben?

Für die Beantwortung dieser Frage untersuchte man die noch erhaltenen, originalen Segel von traditionellen norwegischen Rahsegelbooten. Es fiel ein unterschiedliches Erscheinungsbild bei alten und neuen Segeln auf.

"På dei gamle segla kan vi sjå at segelmakaren har retta mykje av merksemda si mot segltelna. Dei er hardt skotne, og skytinga forandrar seg mykje langsetter sida. No for tida har dei professjonelle seglmakarane som har prøvd seg på å saume råsegl, sydd dei med for slappe telner. Segla blir for flate og får lita dragkraft. Desse nye segla får også forsterkningar på mange plassar slik at dei blir tunge og stive. Som modsetnad kan vi nemne at seglet til «Den Sidste Viking» er på 56 m2 og utan ei einaste forsterkning. Dette seglet er svært fint laga, og er nærast som ei oppsamling av seglmakar-røynsle på Stadsbygt. Kreftene går i telnene og ikke i duken. Seglet er høveleg djupt og står pent. Vi nyttar det heilt til 1979. Då hadde det vore i bruk i alle fall i 20 somrar, men det vart sauma så tidleg som i 1930.
Vi har også segla med andre gamle og originale segl. Dei står svært fint. Det er mykje som tyder på at seglmakarane før oss rådde over ein finstrengt kunnskap som vi har mist."

aus: Gunnar Eldjarn/Jon Godal: Nordlandsbåten og Åfjordsbåten. Bd. 3. Lesja: A. Kjellands forlag a.s., 1988

Bei den alten Segeln kann man erkennen, dass die Segelmacher viel Aufmerksamkeit auf die Segelkante (das Liek) gerichtet haben. An den Seiten ist im Verhältnis zum Liektau gesehen, viel Tuch eingenäht worden. Die Menge des eingenähten Tuches verändert sich entlang des Seitenlieks.
In jüngster Vergangenheit haben professionelle Segelmacher versucht Rahsegel zu lieken, diese aber mit zu losen Lieken versehen. Die Segel waren zu flach geschnitten und hatten wenig Zugkraft. Diese neuen Segel versah man an vielen Stellen mit Verstärkungen, so dass sie schwer und steif wurden.
Als Gegenbeispiel kann angeführt werden, dass das Segel des Åfjords-Bootes "Den Sidste Viking" 56 m2 groß ist und ohne eine einzige Verstärkung auskommt. Dieses Segel ist außergewöhnlich gut gearbeitet und kann beinahe als Beispiel für die gesamter Erfahrung der Segerlmacher von Stadsbygd bürgen.
Die Kräfte am Segel gehen in die Liektaue und nicht in das Tuch. Das Segel hat ein optimales Profil und steht hervorragend. Es wurde bis ins Jahr 1979 genutzt. Zu diesem Zeitpunkt ist es auf jeden Fall für 20 Sommer im Gebrauch gewesen, denn es wurde bereits 1930 genäht.
Auch mit anderen, originalen Segel wurden schon Erfahrungen gesammelt. Sie standen außergewöhnlich gut. Es weist vieles darauf hin, dass die alten Segelmacher über ein ausgeprägtes Wissen verfügten, das heute verloren ist.

Übersetzung des Autors

Einfügung folgt...

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 23. April 2013 um 08:11 Uhr