Aspekte frühmittelalterlicher Bootskonstruktion

Riss PerunDie Archäologie kann mit zahlreichen Funden aus dem gesamten europähischen Norden ihre Existenz belegen. Nicht wenige von ihnen sind bereits rekonstruiert und nachgebaut worden. Experimentell wurden Fragen nach Fahrteigenschaften und Seetüchtigkeit frühmittelalterlicher Boote beantwortet. Es hat sich gezeigt, dass ihre Form nicht spontan und zufällig gewählt, sondern Ergebniss eines konstruktiven Prozesses war.
Wie hat man die Proportionen des Rumpfes und seiner Einzelteile festgelegt?
Welche Größen hatten Einfluss auf die konstruktiven Entscheidnungen?

Der Klinkerbau1 war im frühen Mittelalter die vorherrschende Bootsbautechnik im Norden Europas. Nicht nur die skandinavisch-wikingische Bevölkerung, auch andere Ethnien an Nord- und Ostsee sowie entlang der Nordatlantikküste - Slawen, Friesen, Balten, Sachsen, Samen und Finnen - nutzten sie zum Bau von Booten. Die Archäologie kann mit zahlreichen Funden aus dem gesamten Raum ihre Existenz belegen. Nicht wenige von ihnen sind bereits rekonstruiert und nachgebaut worden. Experimentell wurden Fragen nach Fahrteigenschaften und Seetüchtigkeit der Boote beantwortet.

Es hat sich gezeigt, dass Fahrzeuge auf vielfältige Weise genutzt werden konnten, oder deren Rumpf ggf. an eine andere Nutzung angepasst wurde. Unterschiedliche regionale Bedingungen ließen eine Vielfalt und Variation an Bootstypen entstehen, die alle gleichermaßen voll funktionstüchtig und fein ausbalanciert waren. Ihre Form war nicht spontan und zufällig gewählt, sondern Ergebniss eines konstruktiven Prozesses2.

Wie hat man die Proportionen des Rumpfes und seiner Einzelteile festgelegt?
Welche Größen hatten Einfluss auf die konstruktiven Entscheidungen?

Die Überlegungen und praktischen Abläufe dieser Zeit sind heute nicht so ohne weiteres nachzuvollziehen, denn sie sind nicht dokumentiert worden. Direkte Antworten auf Fragen kann das Fundmaterial allein kaum geben. Wo die Betrachtung jüngerer Fahrzeuge und bootsbaulicher Praktiken Parallelen aufzeigt und zum Verständnis beitragen kann, wird diese im Folgenden zur Beantwortung der Fragen herangezogen.

Einflussgrößen auf die Bootsform

Die Maße des menschlichen Körpers

HjordspringbootVon Beginn ihrer Entwicklung an waren geklinkerte Boote lange Zeit nur Ruderboote. Schon beim Hjortspringboot handelt es sich um ein geklinkertes Plankenboot. Es stammt aus der frühen Eisenzeit (4.–3. Jahrhundert v. Chr.), wird aber aufgrund seines Erscheinungsbildes als typisches Fahrzeug der späten Bronzezeit gesehen. Das Boot - ein Kanu, wurde mit insgesamt 20 Stechpaddeln angetrieben.

Nydam-Boot

Auch das aus dem 4. Jahrhundert n. Chr.stammende Nydam-Boot ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein reines Ruderboot. Anders als im Hjortspringboot saßen hier 30 Ruderer mit dem Rücken in Fahrtrichtung und bedienten die auf der Reling in Astdollen liegenden Riemen.

 

Skuldelev 2 - Fund

Dieses Antriebskonzept bestimmt auch noch den 650 Jahre jüngeren Fund eines Langschiffs aus dem Roskildefjord bei Skuldelev. Das Kriegsschiff kann bei entsprechenden Manövern von insgesamt 64 Ruderern vorangetrieben werden. Zusätzlich - und das ist anders, trägt dieses Schiff ein 112 m2 großes Segel.

 

Beim Rudern kommt es darauf an, dass Boot, Riemen und Ruderer aufeinander abgestimmt sind. Der Innenraum muss so aufgeteilt sein, dass der Ruderer Halt findet und ausreichend Bewegungsfreiheit hat. Die Kräfte, die beim Zug des Riemens durch das Wasser entstehen, müssen im Rumpf verteilt werden.

Der RudererDie Proportionen des menschlichen Körpers spielen eine wichtige Rolle bei der Anordnung der Bauteile.

Zwei aufeinander folgende Spanten haben hier gleich mehrere Funktionen.

Erstens erfüllt der Spant eine Stützfunktion. Er hindert die Planken daran in ihre ursprüngliche, gerade Form zurückzukehren. Ohne Spanten würden die Seiten der Plankenhülle in die Bootsmitte klappen und die Steven jeweils nach vorn und achtern auskippen.

Zweitens sitzt der Ruderer auf dem oberen Teil eines Rahmenspantes, dem Balken oder der Bite.

Drittens wird das Gewicht des Ruderers über den Rahmenspant und ein System von längslaufenden Stringern entlang der Beplankung verteilt.

Viertens stützt der Ruderer beim Zug am Riemen seine Füße am vor ihm liegenden, unteren Teil des nächsten Spantes ab.

Den räumlichen Abstand zwischen zwei Spanten nennt man R a u m (siehe Abbildung oben). Der Raum bildet mit den angrenzenden Spanten eine funktionale Einheit. Es ist der "Arbeitsplatz" des Ruderers. Zum Raum gehört auch der Auflagepunkt des Riemens auf der Bordwand. Höhe und Entfernung des Widerlagers (Keipe, Dolle oder Riemenpforte), an das der Riemen beim Zug anliegt, muss so angeordnet sein, dass ein optimaler Bewegungsablauf möglich ist. Diese funktionale Einheit kann man als eine Art Grundmodul betrachten. Bei größeren geruderten Fahrzeugen, wie dem Wrack 1 aus Haithabu wird deutlich, dass der Rumpf aus einer Aneinanderreihung mehrerer dieser Module aufgebaut ist.

Die gesammelte Raumlänge (Summe aller hintereinander angeordneter Räume) erstreckt sich nicht bis in die Spitzen von Bug und Heck. Der Platz vom letzten Raumspant bis zum Steven wird S c h o t t genannt (siehe Abbildung oben). In den Schott-Bereichen befinden sich noch weitere Spanten zur Aussteifung der Plankenhülle, dort finden aber keine Ruderer mehr Platz. Diese Bereiche haben andere Funktionen - z.B. die Aufnahme des Seitenruders und des Steuerstandes achtern.

Haithabu 1 Wrack

Eine konsequent einfache und dazu elegante Verbindung von Form und Funktion.

Die Antiebsart

 

1 A Bei der Klinkerbauweise überlappen die Planken einander. Am Kiel beginnend wird jeweils die nächste Planke außen ein Stück über die Vorgängerplanke geschoben und in der Überlappungszone (Landung) durch quersitzende Nieten, Holznägel oder mit einer Bindetechnik verbunden. Es entsteht eine in sich tragende Plankenhülle, die nach und nach mit quersitzenden Spanten ausgesteift wird. Die unmittelbar miteinander verbundenen Planken geben der Hülle Festigkeit und Flexibilität bei vergleichsweise geringem Gewicht. Aufgrund dieser Eigenschaften wird die Bauweise in etwas spezifizierter Form noch heute im Flugzeugbau verwendet. Im Bootsbau verlor sie ab Mitte des 20. Jahrhunderts massiv an Bedeutung und gilt heute als exotisch.

Geklinkerte Bauweise

 

 

 


Geklinkerte Außenhaut mit Rahmenspant und Verbindungsniet

2 A Die Begriffe Konstruktion und konstruktiver Prozess bezeichnen in diesem Zusammenhang nicht die Entwicklung eines technischen Produkts anhand physikalischer Gesetze und Berechnungen. Vielmehr meint es die auf Beobachtung und Erfahrung beruhende, gezielte Anordnung von Elementen/Einzelteilen direkt während der Baus, mit der Absicht, eine Form mit bestimmten Eigenschaften zu erzeugen.

 

Die Arbeit am Text wird fortgesetzt.

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 06. Januar 2014 um 12:09 Uhr