Das neue Osebergschiff PDF

Vorstevenbereich mit SchnitzereienImmer wieder gab es Diskussionen zur Seetüchtigkeit des Oseberg-Schiffes.
1988 brachte der Test eines wissenschaftlich begleiteten Nachbaus ein schockierendes Ergebnis. Die "Dronningen" sank nach einer kurzen Testfahrt innerhalb von 30 Sekunden.
Haben die Skeptiker Recht behalten oder worin lag die Ursache dieses Verlustes?
100 Jahre lang liegt das Oseberschiff nun schon ausgestellt im Vikingeskibshuset in Oslo als D A S Original eines Wikinger-Schiffes. Es wirkt makellos und perfekt. Beim Zusammensetzen der vielen tausend Einzelteile nach der Ausgrabung 1906 ging aber nicht alles glatt. Die Schiffsteile passten nicht von selbst ineinander. Es wurden Anpassungen vorgenommen, um am Ende wieder ein in sich schlüssiges Ganzes zu schaffen.
Das
Oserbergprojekt 2006 ging diesen Veränderungen nach, korrigierte sie und gelangte zu einer neuen Form. Diese wird nun in einer neuen 1:1 Rekonstruktion des Schiffes am Fundort in Tønsberg verwirklicht.

Das Original

Osebergschiff während der AusgrabungEs war der dritte bedeutende Fund eines Wikingerschiffs nach dem Tuneschiff im Jahre 1867 und dem Gokstadschiff 1870. Unter einem Hügel auf dem Oseberg-Hof am Oslofjord bei Tønsberg im Bezirk Vestfold fand man 1904 einen umfangreich ausgestatteten Begräbnisplatz. Zentraler Teil war ein prunkvolles Schiff – das Osebergschiff. Der Fund, bis heute einer der reichsten und wichtigsten aus der Wikingerzeit, wurde von dem schwedischen Archäologen Gabriel Gustafson und seinem norwegischen Kollegen Haakon Shetelig 1904-1905 ausgegraben. Die Schiffsteile wurden von Ingenieur Glende während der Ausgrabung 1904 genau vermessen. Beinahe 95% des Schiffes waren erhalten. Gebaut wurde es nach dendrochronologischen Untersuchungen im Jahr 820 und wurde 14 Jahre später als Grabschiff eingehügelt.

Oserbergschiff im Vikingeskibshuset auf BygdøyDas etwa 22 m lange und 5 m breite Schiff wirkt geradezu gotisch-filigran, ist an Bug und Heck so prächtig verziert und mit Schnitzereien versehen, dass man es für eine königliche Yacht oder ein Zeremonialschiff hielt.

1906-07 ging man daran die bis zu 2000 Einzelteile aus der Grabung für die Ausstellung im Vikingeskibshuset auf Bygdøy wieder zusammen zu setzen. Beim Zusammensetzen der Originalteile gab es allerdings Probleme, für die man damals Lösungen suchte und fand.
Ausgestellt verkörperte das Schiff nicht zuletzt wegen seines außergewöhnlich guten Erhaltungszustandes DAS Bild eines originalen Wikinger-Schiffes. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass es einer ganzen Reihe von Nachbauten als Vorbild diente.

Nachbau wirft Fragen auf

Stapellauf der "Dronningen"Den jüngsten Nachbau des Osebergschiffes baute man 1987 in Norwegen.

Die „Dronningen“, die auf der Grundlage der 1954 von Schiffbauingenieur E. Lundins angefertigten Rekonstruktionszeichnung gebaut worden war, sank aber schon während der ersten Segelerprobung 1988 und ging später im Mittelmeer endgültig verloren.

Jon Godal, ein exzellenter Kenner der volkstümlichen, norwegischen Rahsegelboote war maßgeblich an der Erprobung beteiligt und beschrieb das Geschehene so:

Während des Segelns am 5. Mai hatte man guten Wind; in Spitzen ca. 20 kn. Das schiff erreichte ca. 10 kn Fahrt. Es bewegte sich anders, als man es von den traditionellen, westnorwegischen Booten gewöhnt war. Oseberg ruckt wie eine Ziege (wortwörtlich: „wiegt wie eine Gans“) - drückte Godal es aus, der die Verantwortung währen der Testfahrt trug. Aus diesem Grund und wegen der Schwierigkeiten beim Wendemanöver in solch frischem Wind wollten die Segler den Test an diesem Tag beenden und teilten es dem Filmteam mit, das die Fahrt aufzeichnete. Das Filmteam bat um einen letzten Versuch; die „Dronningen“ erreichte 10 kn Fahrt bei 10° Krängung; da geschah es. Das Schiff schnitt unter die Welle wie ein Teller und nach ca. 30 sec war es verschwunden.

Kenterung Bild 1Kenterung Bild 2Kenterung Bild 3

Das in negativer Weise überraschende Ergebnis der Segelerprobung warf zunächst eine Menge Fragen auf. Besonders, nachdem dem Bau der „Dronningen“ wissenschaftliche Untersuchungen zum Rumpf- und Riggaufbau vorausgegangen waren.

Lag es an der fehlenden Kielbucht oder am Plankeneinlauf in den Vorsteven?
War das Schiff unterbemannt und hatte damit zu wenig beweglichen Ballast?
War überhaupt zu wenig Ballast an Bord oder war das Segel zu groß?
Könnte das originale Schiff besser gesegelt sein?
Die einzige Möglichkeit diese Fragen zu beantworten, war das archäologische Material und alle im Umfeld der Grabung entstandenen Aufzeichnungen noch einmal genau auf Hinweise zu untersuchen.

Das Osebergprojekt 2006

Diese Hinweise gab es, mehr oder weniger offensichtlich.
Am Anfang waren es Einzelpersonen, die darauf aufmerksam machten und sich zum Ziel setzten einen seetüchtigeren Nachbau fertig zu stellen – direkt in der Nähe des Fundortes in Tønsberg. Es gelang den Initiatoren örtliche Verbände, sowie die Kommune Tønsberg und das Amt Vesfold mit einzubeziehen. Später wurde diese Zusammenarbeit in die Gründung einer Stiftung überführt – die
Stiftelsen Nytt Osebergskip. 2004 beantragte die Stiftung Nytt Osebergskip zusammen mit dem Kulturhistorisk museum der Universität Oslo Mittel beim Bildungsministerium für ein Forschungsprojekt mit dem Ziel, einen neuen Rekonstruktionsansatz für das Osebergschiff zu finden. An der laufenden Forschungsarbeit war auch das Vikingeskibsmusset Roskilde beteiligt.

Im Frühjahr 2005 begann die Projektarbeit mit der Dokumentation des Schiffes. Einmal, um herauszufinden, ob Nachjustierungen des Originalmaterials nötig und möglich waren. Zum Anderen, um aus den gewonnenen Daten 1:1 Zeichnungen aller Schiffsteile anfertigen zu können.
Scann-FotoFür diese Arbeit musste eine ganz neue Methode entwickelt werden, da es unmöglich war, das Schiff in seine Einzelteile zu zerlegen und aufzunehmen. Genutzt wurde ein elektronisches Scann-Verfahren. Zusätzlich erfasste man den Innenraum des Schiffes systematisch mit Foto- und Videotechnik.
Diese aktuellen Aufzeichnungen konnte man mit bereits früher von den
Einzelteilen und der gesamten Schiffsform angefertigten Zeichnungen vergleichen.

Es gibt verschiedene Zeichnungen des originalen Schiffes.

1. Skizzen von Wrangen, Biten und Knien angefertigt während der Ausgrabung 1904 vom Schiffsingenieur F. M. Glende
2. eine 1909 ebenfalls von Glende angefertigte Rekonstruktionszeichnung
3. 1928 erstellt Schiffsingenieur Frederik Johannessen eine zeichnerische Rekonstruktion mit einigen Detailzeichnungen; ausgeführt von Rich. G. Furuholmen
4. weitere Rekonstruktionszeichnungen und Linienrisse aus dem Jahr 1954 stammen von K. E. Lundin und Thorleif
Sjøvold

Gekürzte BitenVor allem mit den Fotos wurden auch die Spuren erfasst, die das Anpassen der Originalteile an die Gegebenheiten beim Aufstellen in der Ausstellung 1906 hinterlassen hatten. Die zu gerade Streckung des Kiels hatte den Steven nach vorn und das Vorschiff im oberen Bereich zusammen fallen lassen, so dass der obere Teil der Wrangen brach und die dort liegenden Biten nicht mehr passten. Sie wurden gekürzt.

RekonstruktionsmodellAlle erhaltenen Informationen wurden beim Erstellen eines 1:10 Modells verarbeitet. Das Modell entwickelte alle Daten in 3 Dimensionen und rekonstruierte auf diese Weise die Form des Osebergschiffes neu.

Jetzt ging das Projekt in eine äußerst spannende Phase. Um den Jahreswechsel 2007/08 ging es darum, die Unterschiede zwischen dem neuen Rekonstruktionsversuch und dem von 1987 sichtbar und damit nachprüfbar zu machen.
Im
Norsk Marinteknisk Forskningsinstitutt A/S/MARINTEK in Trondheim wurden beide Modelle im Schlepptank getestet. Das 1:10 Modell der „Dronningen“ bestätigte die Schilderungen nach der Kenterung 1988. Das 1:10 Modell der neuen Osebergrekonstruktion verhielt sich bei gleichen simulierten Bedingungen abweichend. Die aufgeworfene Bugwelle wurde bei 10° Krängung und 11 kn Fahrt so unter den Rumpf geführt und von den oberen beiden Plankengängen abgeleitet, dass das Schiff aus dem Wasser gehoben wurde und teils auf die Bugwelle schwamm.

Tanktest Bild 1Tanktest Bild 2Tanktest Bild 3

Dieser Effekt wird in der Realität sicher noch verstärkt, wenn sich Steuer, Rumpf und Rigg im richtigen Gleichgewicht befinden, das Segel ähnlich einem Drachen wirkt und das Vorschiff aus dem Wasser hebt.
Eben das könnte eine 1:1 Rekonstruktion beweisen.

Damit waren beinahe alle Voraussetzungen für eine 1:1 Rekonstruktion geschaffen.

Der Nachbau

BauplatzDie Stiftelsen Nytt Osebergskip hatte sich zum Ziel gesetzt auf Grundlage neuerer Forschungsergebnisse, eine weitere Kopie des Osebergschiffes in Originalgröße zu bauen.

Im Juni 2010 war offizieller Start des Baus in Tønsberg.

Vorausgegangen waren noch umfangreiche holztechnische Beurteilungen. Diese waren wichtig, für die Vorauswahl des Holzes – alles Eichenbäume, die zu diesem Zeitpunkt noch fest auf der Wurzel standen. Werkzeugspuren am Original wurden gesichtet und ausgewertet, um zu entscheiden, welche PlankenbearbeitungWerkzeuge beim Bau zum Einsatz kommen sollten.

Die Absicht ist, nicht nur ein Abbild eines originalen Schiff aus der Wikingerzeit zu schaffen, sondern den Bau auch mit originalen Schiffbautechniken, Materialien und Werkzeugen auszuführen. Entstehen würde eine Art Sicherungskopie des Originals. Die Baustelle selbst gibt dem Publikum aus In- Ende September - 7. Plankengang ist fertigund Ausland einen tiefen Einblick in einen wichtigen Lebensbereich – in Können und Kundschaft der Menschen zur frühen Wikingerzeit.

Der Aufwand ist sehr groß – ebenso der Einsatz vieler freiwilliger Mitarbeiter, die neben den Bootsbaumeistern Geir Røvik (NO) und Thomas Finderup (DK) für das Vorankommen des Projektes sorgen. Ende September 2011 war der 7. Plankengang (von 12) fertig gestellt. Mittlerweile dürfte der Schiffsboden ganz fertig sein. Mit dem aufgebrachten 9. Plankengang beginnt der Einbau der Wrangen (Bodenspanten).

An dieser Stelle wird weiter über das Baugeschehen berichtet . . .

Ikon

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 20. Januar 2012 um 21:51 Uhr