Havhingsten fra Glendalough

Die Entdeckung eines Fabelwesens

FabelwesenAls man die fünf wikingerzeitlichen Schiffswracks von Skuldelev 1962 vom Grund des Roskildefjordes barg, war man sich nicht sofort darüber im Klaren, dass man auch ein sagenumwobenes Fabelwesen der nordischen Literatur nach fast tausendjährigem Schlaf wieder an die Oberfläche brachte. Aufgrund seiner schieren Größe hielt man Bug und Heck des Schiffes zunächst für die Reste von zwei Schiffen.Skuldelev 2

Nach der umsichtigen Bergung vieler tausender Holzfragmente, wurde jedes noch so kleine Fundstück aufgenommen, gekennzeichnet und der Konservierung zugeführt, denn man hatte bereits die Möglichkeit ins Auge gefasst, die Schiffe wieder zusammenzusetzen und der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Bald war offensichtlich, dass das Skuldelev-2-Wrack – so wurde es jetzt von den Archäologen genannt - nach der Entdeckung des Ladby-Schiffes und neben dem 1974 in Haithabu gefundenen Schiff (Haithabu-Wrack 1) ein Vertreter der Gattung Langschiff war. – D.A.S Drachenschiff der Wikinger. Einst an den europäischen Küsten wegen seiner Größe und Schlagkraft gefürchtet.

Seeschlange – Lindwurm - geflügelter Drache

Havhingsten auf der HellingIm August 2000, nach 38 Jahren Forschungsarbeit, war die Zeit gekommen, dem Fabelwesen wieder Leben einzuhauchen. Auf der Werft des Wikingerschiffsmuseums in Roskilde schien Planke für Planke in originaler Bautechnik der Wikingerzeit der Rumpf einer Seeschlange zu wachsen. Es ist das seegängige Kriegsschiff, das in der Skalden- und Sagaliteratur mit dem Namen „Skeid“ bezeichnet und gepriesen wird. Wer solch ein Schiff in Auftrag gab und unterhielt, stand in der Wikingergesellschaft in einer hervorgehobenen Position.

32 - SesserDas Skuldelev-2-Schiff ist 30 Meter lang; ein sogenannter 30-Sesser (mit 30 Ruderbänken), mit 60 Riemen (Rudern) und Platz für eine Besatzung von bis zu 80 Seeleuten und Kriegern.

150 m³ Holz wurden für den Bau benötigt. Dazu kommen unter anderem 18 m³ Kiefernholz für die Herstellung des konservierenden Teeranstrichs; 4500 ein Meter lange, armdicke Lindenholzstücke für die Gewinnung von Lindenbast zur Bau HavhingstenTauwerksherstellung; 600! Pferdeschweife ebenfalls zur Tauwerksherstellung; Eisenerz für die Gewinnung von 400 kg reinen Schmiedeeisens samt großer Mengen Holzkohle für die Schmiede. 200 kg verarbeitete Wolle wurden benötigt, um das 120 m² große Segel aus Originalmaterialien herzustellen.

Ein Auftrag dieser Größe konnte zur damaligen Zeit wohl von einem Baumeister, 10 Bootsbauern und einer großen Anzahl von Gehilfen im Wald und auf dem Bauplatz innerhalb von 7 Monaten ausgeführt werden. Wenn der Zeitaufwand für Teerschwelen, Schmieden, Reebschlagen, Segelmachen und einiges mehr berücksichtigt wird, rechnet das Wikingerschiffsmuseum mit 40 000 Stunden für die Fertigstellung von Schiff, Rigg und Segel.
Bezogen auf heutige Verhältnisse – ein echtes Großprojekt!

Auf Reise

Das Schiff beeindruckt nicht nur durch seine schlichte Größe, sondern auch durch die gehobene Eleganz und die Solidität der Bauausführung. Die dendrochronologische Untersuchung von Holzproben ergab, dass das Schiff nach skandinavischer Bautradition um 1042 in der Region um Dublin in Irland gebaut worden war. Sein Segel trug es durch eine dramatische Zeit im Spannungsfeld zwischen Wilhelm dem Eroberer (Normandie), Harald Hardrada (Harald III., Norwegen) und Sven Estridson (Dänemark) , bis es um 1070 als Seesperre in der Zufahrt zur dänischen Königsstadt Roskilde versenkt wurde.

Havhingsten fra Glendalough

Taufe HavhingstenAm 04. September 2004 wurde die fertige Rekonstruktion des Skuldelev-2-Schiffes zu Wasser gelassen und von der dänischen Königin Margrethe II. auf den Namen Roskilde - Dublin 2007Havhingsten fra Glendalough getauft.

Der Nachbau absolvierte nach einer grundlegenden Testphase 2007 eine Reise nach Dublin via Südnorwegen, Orkneys, Innere Hebriden und Irische See. 2008 kehrte es dann durch den Englischen Kanal und den Limfjord nach Roskilde zurück.

Während der Reisen wurden Fragen nach Fahrteigenschaften und Seetüchtigkeit des Schiffes beantwortet. So zeigte sich beispielsweise, dass die Havhingsten fra Glendalough sehr direkt auf den Wind reagiert, schnell beschleunigt und unter Segel Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 11 Knoten (20 km/h) erreichen kann. Auf langen Distanzen bei gleichbleibendem, moderatem Wind sind Reisegeschwindigkeiten von 6 – 8 Knoten erreichbar. Bei günstigem Wind konnte man die Überfahrt von Jütland nach England in nur drei Tagen bewältigen.

Auf der NordseeDie Havhingsten fra Glendalough hat sich als seetüchtig erwiesen. Unter vollem Segel erreicht sie einen Am-Wind-Winkel von 65° (die Abdrift mit eingerechnet), ist also in der Lage, sich von einer in Lee liegenden Küste frei zu segeln – eine Qualität, die für ein Schiff ohne Motor äußerst wichtig sein kann.

Das Rudern des Schiffes gestaltet sich in der Praxis schwieriger, als man es sich gemeinhin vorstellt. Rudernd vorgetragene Blitzangriffen über lange Distanzen sind kaum vorstellbar. Ausschließlich auf kurzen Strecken, ohne Gegenwind und hohe Wellen, ist es möglich eine Geschwindigkeit von 5 Knoten zu halten. Der den Ruderern zur Verfügung stehende Raum ist sehr beengt, wenn alle 64 Ruder genutzt werden. Rudert nur jeder Zweite, fällt die Geschwindigkeit nur unwesentlich ab, die Ruderer haben aber mehr Platz, können sich abwechseln und auf diese Weise längere Ruderstrecken durchhalten. Die Ruder waren aber kaum die Art des Antriebs auf den langen Reisen, sondern nur ein Mittel, um sich in eine günstige Position, in Bezug zum Wind oder feindlichen Schiffen zu bringen.

Von Lista nach Egernsund

Nach den ausgedehnten Reisen 2007 und 2008 wird das Schiff sich im nächsten Jahr ausgiebig in den dänischen Gewässern zeigen. Die Fahrt steht im Zeichen des 50-jährigen Jubiläums der Ausgrabungen bei Skuldelev.
Neben dänischen Heimathäfen, wie z.B. Kerteminde und Sønderborg soll Havhingsten auch Haithabu und Schleswig in der Schlei anlaufen.
Das Schiff während der Fahrt weitere Daten über Segelmanöver und Fahrteigenschaften sammeln.
Das Vikingeskibsmuseet (Wikingerschiffsmuseum) Roskilde hat bereits eine
66 Mann starke Crew zusammengestellt.


Quellen:

Crumlin-Pedersen, Ole & Olaf Olsen (eds) 2002: The Skuldelev Ships I. Topography, Archaeology, History, Conservation and Display. Ships and Boats of the North 4.1. Roskilde,Bill, Jan, Søren

Nielsen, Erik Andersen & Tinna Damgård-Sørensen 2007: Velkommen ombord! Havhingsten fra Glendalough. Et genskabt langskib fra vikingetiden. Roskilde.

http://vikingeskibsmuseet.dk/udstillinger/skuldelevskibene/

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 21. Juni 2012 um 23:24 Uhr