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Harald HårfagreEin Wikingerschiff als nationales Superprojekt

 

Daten

Es soll das größte Wikingerschiff der modernen Zeit werden.
Nicht weniger.
35 Meter lang und 8 Meter breit. Ganz aus Eiche. Der Rumpf verdrängt 70 t.
Die Fläche des Rahsegels soll unglaubliche 300 m² betragen. Zusätzlich sollen 50 Riemen (25 auf jeder Seite) zum Einsatz kommen können, das Schiff alternativ voranzubringen. Da ein Riemen von 2 Leuten gehandhabt werden soll, wird eine 100 -köpfige Rudermannschaft gebraucht.

Zum Vergleich:
Die 29,26 m lange und 3,80 m breite Havhingsten fra Glendalough - zur Zeit noch das größte Wikingerschiff - wird von, fast möchte man sagen - nur 112 m² Segelfläche voran getrieben. 64 Ruderer bewegen bei Bedarf 64 Riemen - immerhin in diesem Falle 14 mehr.
Aber jeder Ruderer ist an seinem Sportgerät allein.

Bericht

Zu wenig sei bisher für die Erforschung von Schiffen und Schiffsbautechnologien der Wikinger durch die Seefahrernation Norwegen getan worden - meint der Visionär im Zentrum des Projektes Draken Harald Hårfagre (DHH) Sigurd Aase von der Vereinigung DNO-Viking Kings. Das Projekt wird vollständig mit Sponsorengeldern finanziert. Drei internationale Unternehmen aus der High-Tech-Branche sind beteiligt. Die Dokumentation des Baus wird vom Norsk Kulturråd unterstützt.

Mit diesem Projekt soll ein möglichst großer Teil des Wissens zur Schiffsbautechnologie und maritimen Kultur der Wikinger aufgedeckt und weitergegeben werden.

Bisher sei nur vergleichsweise wenig von den Schiffen der Wikinger gefunden worden. Die archäologischen Funde, seien zudem oft äußerst fragmentarisch und in einem schlechten Erhaltungszustand. Vor diesem Hintergrund scheine es unglaublich, dass eine solch begrenzte Auswahl an Material das Herausragendste ist, was die Schiffbaukunst der Wikinger hervorbrachte.

Repliken und Rekonstruktionen von Wikingerschiffen sind bisher nach der Interpretation des zur Verfügung stehenden archäologischen Fundmaterials und anderer nahestehender Quellen gebaut worden. Die Vordenker des Projektes wollen den entgegengesetzten Weg gehen. Sie nehmen ihren Ausgangspunkt in der überlieferten und lebendigen norwegischen Bootsbautradition und forschen sich sozusagen im Rückwärtsgang, unter Zuhilfenahme aller zugänglicher Quellen, vor zum seegängigen Drachenschiff der Wikingerzeit.

Die Elite des traditionellen Bootsbauer- und Segelmacherhandwerks in Norwegen wird an der Entwicklung und Umsetzung des Projekts beteiligt. Ziel ist es, auf diese Weise ein Schiff zu rekonstruieren, das die herausragenden Segeleigenschaften hat, die charakteristisch waren für das seegängige Langschiff der Wikingerzeit.
„Ormen Lange“ das sagenumwobene Kriegsschiff Olav Tryggvasons aus dem Jahr 999 dient als Vorlage.

Pilotstudien zum Projekt in Zusammenarbeit mit der Universität Tromsø hatten einen Vorlauf von 2 Jahren. Parallel lief eine High-Tech-Computer-Simulation mit Supercomputern in den USA, um das beste Design für Rumpf und Segel zu finden.

Im März 2010 begann der Bau in Haugesund. Klar für die erste Fahrt soll das Schiff im Frühjahr 2013 sein.

Kommentar

Die Rekonstruktion der 5 Wikingerschiffe aus dem Skuldelev-Fund in Dänemark ermöglichte in den vergangenen fünf Jahrzehnten einen einzigartigen Eindruck von Schiffbaukunst und Handwerk zur Wikingerzeit. Tausende von Einzelteilen wurden nicht nur ausgegraben, geborgen und konserviert, sondern auch akribisch untersucht und dokumentiert – in der Absicht, die Reste wieder zusammen zu setzen und der Öffentlichkeit im Originalzustand zu präsentieren. Man folgte genau und Stück für Stück der Spur des archäologischen Materials, sichtete weitere Quellen, die in einem thematischen Zusammenhang standen und bezog die Möglichkeit mit ein, offene Fragen experimentell auf Grundlage des vorhandenen Materials zu beantworten.

Wie sahen Segel und Rigg der Wikingerschiffe aus?

Vergleichende Untersuchungen zum Rahsegelrigg verschiedener Zeitepochen ergaben, dass die Grundmuster des Riggaufbaus bei den norwegischen Rahsegelbooten des 19. Jahrhunderts (Åfjords-Boote) und den Wikingerschiffen aus dem Skuldelev-Fund (Skuldelev 3) identisch waren.* Aus den Erfahrungen mit den rezenten norwegischen Rahsegelbooten wusste man - die Balance zwischen Rumpf, Segel und Steuer wurde mit Rücksicht auf die bestmöglichen Am-Wind-Segeleigenschaften festgelegt. Ob für die archäologisch fassbaren Riggmuster der Wikingerschiffe dasselbe galt, musste erst heraus gefunden werden.
*Bent og Erik Andersen:
Råsejlet – Dragens Vinge; S. 73

Auf diesem Weg war es nur folgerichtig, Schiffe, deren Erhaltungszustand es zuließ, zu rekonstruieren, nachzubauen und zu testen.

Ergebnis – offen.

Wie bauten die Wikinger ihre Schiffe und nach welchen Grundsätzen gestalteten sie Rumpf, Rigg und Steuer, dass am Ende ein seetüchtiges Fahrzeug entstand?

Diese Fragen möchte auch das DHH-Projekt der Viking Kings AS beantworten. Man nähert sich der Fragestellung nur auf eine völlig andere Art. Im Mittelpunkt steht nicht die Untersuchung und der Nachbau eines originalen Schiffsfundes aus der Wikingerzeit.
Im Mittelpunkt steht eine Überzeugung:

Die Wikingerschiffe besaßen außergewöhnliche Segel- und Manövriereigenschaften.

Keiner Rekonstruktion eines Wikingerschiffs sei es bislang gelungen, diese Eigenschaften in ausreichender Weise abzubilden.
Bisher sei nur vergleichsweise wenig von den Schiffen der Wikinger gefunden worden. Die archäologischen Funde, seien zudem oft äußerst fragmentarisch und in einem schlechten Erhaltungszustand. Vor diesem Hintergrund scheine es unglaublich, dass eine solch begrenzte Auswahl an Material das Herausragendste ist, was die Schiffbaukunst der Wikinger hervorbrachte.

Als Vorbild soll dennoch ein echtes Wikingerschiff dienen - „Ormen Lange“ das sagenumwobene Kriegsschiff Olav Tryggvasons.
Allerdings eine ausschließlich literarische Vorlage - Snorre Sturlasson beschreibt Ormen Lange“ in der Heimskringla-Saga (Ólafs saga Tryggvasonar, Kap. 88).

"Vetteren etter kong Olav var komin fraa Haalogaland lét han reisa eit stort skip inn-under Ladhamrane, og dette var mykje større enn dei andre skipi som daa var i lande, og endaa kan ein skilleg sjaa bakkestokkane. De var ein mann som heitte Torberg Skavhogg, som var byggmeister paa skipe; men de var mange andre med og arbeidde; sume skulde fella timber og sume telgja, sume slaa saum og sume køyra fram timbere. Alt byggjefange var godt utvalt; skipe var baade langt og breidt og høgborda og stortimbra. […] De var ein drake, og bygt paa same visi som Ormen, som kongen hadde havt med seg fraa Haalogaland, men dette skipe var mykje større og i alle maatar meir for-seg-gjort. Dette kalla han "Ormen lange", og de andre "Ormen skamme". Paa Ormen lange var de 34 rom. Hovude og bøygen var gyllt heile vegen, og skipsbordi so høge som paa havskip. Dette er de beste og dyraste skipe som er bygt i Norig."

'Im Winter nach der Rückkehr König Olafs von Haalogaland ließ er ein großes Schiff unten auf Hladehmrarna1 bauen, viel größer als alle Schiffe sonst, die man zu der Zeit im Land finden konnte. Man kann das immer noch an den Baumstümpfen erkennen, die zurückgeblieben sind. Der Baumeister des Schiffes war Torberg Skavhugg, aber noch viele andere waren daran beteiligt: Einige um zu fällen, einige um Planken zu hauen, einige um Nägel zu schmieden, einige um das Holz heran zu schaffen. Alles wurde auf die sorgfältigste Weise getan. Das Schiff war sowohl lang, als auch breit und hochbordig und wurde von großen Stämmen gebaut. […] Es war ein Drachen2, ebenso gebaut, wie Ormen3, der den König aus Haalogaland gebracht hatte. Aber dieses Schiff war viel größer und in jeder Hinsicht sorgfältiger gebaut. Der König nannte es Ormen Lange und den anderen Drachen Ormen Korte. Auf Ormen gab es 34 Räume4. Haupt5 und Ende6 waren goldbaschlagen und die Bordwände ebenso hoch, wie bei einem seegängigen Schiff7. In Norwegen hatte man niemals zuvor ein Schiff besser und mit mehr Aufwand gebaut.' (Übertragung des Autors)

Die Heimskringla Saga wurde um 1230 von Snorri Sturluson als Geschichte der norwegischen Könige verfasst.
Der Wert der Heimskringla als historische Quelle im Sinne einer modernen wissenschaftlichen Geschichtsschreibung ist umstritten. Sie wird allenfalls als mythisch oder quasi-historisch bewertet. Die Darstellung historischer Ereignisse ist immer tendenziös. Es sollten politische Ziele verfolgt, die Legitimierung von althergebrachten Ansprüchen begründet oder die Christianisierung als Erfolgsgeschichte dargestellt werden. Das reine Bewahren des Gewesenen für die Nachwelt spielte eine untergeordnete Rolle.

Daraus ist nicht so ohne Weiteres ein Schiff zu bauen. Um am Ende die Worte tatsächlich in ein „Wikingerschiff“ mit den gewünschten Eigenschaften zu verwandeln, setzt man zum einen auf die Elite des traditionellen Bootsbau- und Segelmacherhandwerks in Norwegen.
Letzteres hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gewaltig entwickelt.
Mit der Bergung der Skuldelev-Schiffe hatten Bent und Erik Andersen  begonnen, das Rigg der Wikingerschiffe zu rekonstruieren. Bei ihren Untersuchungen trafen sie auf eine gerade noch lebendige Bootsbauergenaration in Norwegen, die mit dem handwerksmäßigen Entwurf und Bau von Rahsegelbooten vertraut waren. Es entspann sich eine sinnvolle und fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Norwegern (u.a. Jon Godal, Gunnar Eldjarn, Arne Emil Christensen, Øystein Færøyvik) und Dänen (u.a. Bent und Erik Andersen, Ole Crumlin-Pedersen), die diesem Wissen und den Rahsegelbooten selbst das Überleben sicherte. Auf Grundlage dieser gesamtskandinavischen Arbeit durchschaut man heute die auf handwerklichen Regeln fußenden Konstruktionsprinzipien der neuzeitlichen Rahsegelboote des 19. Jahrhunderts und kann deren Gültigkeit für die Schiffe der Wikinger untersuchen und teilweise nachweisen. Dieses Wissen hat auch dem traditionellen, maritimen Handwerk in Norwegen neue Impulse gegeben.
Zum anderen greift man auf modernste computerbasierte Konstruktionsmethoden zurück, um die überlieferten handwerklichen Regeln zu überprüfen und das gewünschte Ergebnis zu erreichen – das größte Wikingerschiff der modernen Zeit.

Aussagen über die Schiffe der Wikinger können wir jedoch nur machen, wenn wir das, was von ihnen erhalten geblieben ist, genau untersuchen. Mit allem, was wir dabei erfahren, können wir experimentieren und zu rekonstruieren versuchen. Dabei finden wir sicher nicht die ganze Wahrheit.
Viel schwerer scheint es uns dagegen zu fallen, die Ergebnisse hin zu nehmen. Unser Glauben an das Können der Wikinger kennt keine Grenzen. Wir trauen ihnen alles zu, messen das, was wir über sie erfahren haben an unseren heutigen Möglichkeiten und entdecken eine Diskrepanz.
Das kann einerseits eine Motivation sein, genauer hin zu schauen und weiter zu forschen, andererseits liegt darin die Versuchung das Überlieferte zu "verbessern", zu perfektionieren, um es unseren Vorstellungen anzupassen.
An diesem Punkt laufen wir Gefahr, die Historie zu verändern, sie zu einer Geschichte, zu einem Märchen zu machen.
Bleibt die Frage, warum wir das tun.

Die Aufmerksamkeit der zeitgenössischen Chronisten erregt der Bau aber mit Sicherheit.
Ich denke, neue Erkenntnisse zu Leistungsfähigkeit und Grenzen beim Bau, der Bemannung und Führung solch großer, einmastiger Rahsegelfahrzeuge wird die Verwirklichung des DHH-Projektes auf jeden Fall mit sich bringen.

Kai Zausch


(1) Ortsangabe - gemeint sind Klippen unterhalb des Königshofes Hlader (Lade) bei Trondheim
(2) Schiffstyp - gemeint ist das Drachenschiff, o.a. Langschiff, das seegängige Großkriegsschiff vom Typ Skreið
(3) Der Name eines Drachenschiffes, das König Olaf Tryggvason Raud den Ramme - einem Großbauern von Gudøy im Saltfjorden abnahm, weil dieser sich nicht taufen lassen wollte. Später erhielt das Schiff den Namen Ormen Korte, um es von Ormen Lange, dem neuen Großschiff des Königs unterscheiden zu können.
(4) Konstruktive Einheit beim Rumpfaufbau - ein Raum ist der Platz zwischen zwei Spanten und den jeweils darüber befindlichen Duchten (Ruderplätzen).
(5) (abnehmbarer?) Teil des Vorstevens - das sogenannte Drachenhaupt.
(6) (abnehmbarer?) Teil des Achterstevens - der stilisierte Schwanz eines Drachens. In manchen Bildquellen erscheint hier ein zusätzlicher Drachenkopf.
(7) Schiffstyp - ein haƒskip ist das rahsegelgeriggte Frachtschiff, für den Einsatz auf der Nordsee und dem Nordatlantik.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 31. Januar 2014 um 20:05 Uhr