Åfjords-Boote

Die Boote der Staværinger

Die Frage nach den Staværingern und ihren Booten ergab sich aus einem Buchtipp. Ein Segelfreund empfahl mir das Buch „Der letzte Wiking“ des norwegischen Schriftstellers Johan Bojer – Originaltitel: „Den siste viking“,1921. (Kurioser Weise eine alte Ausgabe des Verlages „Volk und Welt“, Berlin 1966 die mir im Osten nie begegnet war.)

Lofotfischer
Es erzählt von Fischern, die aus dem Süden der langgestreckten norwegischen Küste Jahr für Jahr zu den Lofoten aufbrechen,
um auf den dortigen Fischbänken ihr Glück zu versuchen.
Was sie tatsächlich erwartet, ist ein Kampf um den Lebensunterhalt ihrer Familien, ausgetragen auf dem kalten, unwirtlichen Nordatlantik.

Mit dem Buch bekam ich die Frage:
Wer sind eigentlich die Staværinger und ihre Boote?

Nachdem ich das Buch gelesen hatte und nach ein wenig Recherche ergab sich die Antwort:

Die Staværinger

Tröndelag1806 segelten die ersten Fischer aus dem Trøndelag zu den Lofoten und nach Henningsvær, um mit dem Kabeljaufang den Lebensunterhalt ihrer Familien zu sichern.
Es war der Predikant Hans Nielsen Hauge, der die Ausfahrt initierte. Er war als Händler auf den Lofoten gewesen und riet den Rissværingern (den Bewohnern der Region Rissa im Trondheimsfjord) ihr Glück im Norden zu versuchen.
Die Ersten, die sich tatsächlich auf den Weg gemacht hatten, kamen aus der Kirchgemeinde Stadsbygd, welche sich zu der Zeit auf beiden Ufern des Trondheimfjordes erstreckte. Für sie etablierte sich auf den Lofoten nach und nach der Name
Staværinger. Sie wurden durch ihre roten Mützen und nicht zuletzt durch ihre charakteristischen Boote bekannt – die Åfjords-Boote.

Die Staværinger - Boote

SüdtröndelagDas Bootsbauzentrum des Trøndelag war Åfjorden. Die Bootsbauer aus dem Åfjord beherrschten den Markt. Sie bauten Zuhause oder zogen herum. Dann stellte der Aufgraggeber das Holz. So wurde ihr Typ im Distrikt maßgebend und wie ein Markenprodukt gehandelt. Das Boot hieß Åfjords-Boot auch wenn es im Trondheimsfjord gebaut worden war.

Das Åfjords-Boot existierte in einer fein abgestuften Größenordnung, die mit der Anzahl der Räume, der Länge der Wasserlinie in Ellen und Zoll (beides widerspiegelte das System des Bootsbauers), der Anzahl der Riemen oder Ruderer oder der Ladekapazität in Tonnen1 (letzteres widerspiegelte das System der Bootsleute) ausgedrückt wurde.
(1) - Eine Tonne ist hier nicht als Masseangabe zu verstehen, sondern meint ein Raummaß - eine Bötchertonne.

Die kleinen Boote, wie Færing und Seksring wurden für verschiedenen Zwecke gebaut – für Kleintransport, Personenverkehr und Heimfischerei nahe am Wohnort.
Anders als im Westen Norwegens baute man im Trøndelag
, wie auch im Nordland Boote, die um halbe Räume gegenüber dem Standardtyp erweitert werden konnten. So gab es große Færinge mit 2 ½ Räumen und ebenso Seksringe mit 3 ½ Räumen. Boote mit acht Riemen, im lokalen Dialekt als Firing bezeichnet, wurden für die Kabeljau- bzw. Dorschfischerei und den Heringsfang genutzt.
Das größte Boot für Transporte, das
Lestabåt (Ein-Last-Boot) verwendete man verbreitet für die Verfrachtung von Kartoffeln und anderen Produkten aus der heimischen Landwirtschaft nach Trondheim.

DEN SISTE VIKINGDie größten Fischerboote, als Fembøring und Storebåt bekannt, sind wahrscheinlich aus einem alten Zwölf-Ruder-Typ entwickelt worden. Die Grenzen zum Lastfahrzeug verschwimmen hier. Mit Storebåt wurde auch ein Lastensegler bezeichnet. Einige der Boote wurden später dann auch als Transportfahrzeuge weiter genutzt.
Der Ursprung der Bezeichnung
Fembøring ist unklar, wurde aber für den größten Bootstyp sowohl im Trøndelag, als auch im Nordland verwendet. Extra große Fembøring baute man für die Lofotfischerei. Die Fangart brachte ihnen außerdem noch die Bezeichnung Torskegarnsbåt (Kabeljau-Netz-Boot) ein.

LastraumAb den 70-iger Jahren des 19. Jahrhunderts begannen die Bootsgrößen zu wachsen. Das hing unter anderem mit veränderten Fangmethoden zusammen. Man ging dazu über, mit Langleinen und Netzen zu fischen. Diese Fanggeräte und der damit erzielte größere Fang brauchten Platz. Die Boote wurden so groß, dass sie, außer beim Ausbringen und Einholen der Netze, kaum gerudert werden konnten. Diese extra großen Boote wurden Lofotbåt oder Storebåt genannt, hatten bis zu 7 Mann Besatzung und konnten 100 Tonnen laden. Ein Boot dieser Größenordnung konnte, je nach Wettervoraussetzungen, einen Fang von 2 000 Kabeljauen anlanden. Nicht alle Räume waren für das Rudern eingerichtet. Vor- und achterlich des Mastes befanden sich Lasträume, die mit zusätzlichen Spanten verstärkt wurden, um das Gewicht von Ballast oder der schweren Ladung, bestehend aus Fässern mit Kabeljau, zu verteilen.
In der späten Zeit wurden einzelne Boote so groß, dass sie als schwerfällig und unhandlich angesehen wurden. Aber auf dem Weg zu den Lofoten und zurück benötigte man große und seetüchtige Boote. Eine mindestens 800 Kilometer lange Reise auf dem Nordatlantik im Winter ist hart, selbst bei gutem Wetter.
Charakteristisch für das Erscheinungsbild der Åfjords-Boote sind ihr flacher Sprung, die geraden, fast senkrecht aufragenden Steven und die hoch geführten Stevenköpfe, die häufig auf irgend eine Weise verziert sind - mit „Gesims“ oder stilisiertem Gehörn. Das Steuer wurde von einer mittig aufsitzenden Pinne aus bedient, die weit in das Boot nach vorn ragte. Für die Reise auf die Fischbänke installierte man in der Achterpiek des Bootes einen abnehmbaren Mannschaftsunterschlupf – das
Løfting.

Die Lofotfischerei oder Jahrmarkt auf den Lofoten

LofotfischerGleich nach dem Dreikönigsfest begann man damit, die Boote aus dem Naust zu ziehen, zu überholen und auszurüsten. Im 19. Jahrhundert hatte ein gewöhnliches Boot meist eine Mannschaft von fünf bis sieben Mann. Jeder nahm zwei Kisten mit sich auf die Reise. Die eine war mit Verpflegung gefüllt, die andere mit Kleidungsstücken und Ausrüstung. Zusätzlich hatte man Tonnen, gefüllt mit Fladenbrot und Butter an Bord.

ReiserouteFür die Überfahrt benutzte man ein Hochrigg mit einem extra langen Mast, an dem neben dem gewöhnlichen Großrahsegel noch ein Topprahsegel gesetzt werden konnte. Trotzdem benötigte man ca. 14 Tage, um nach einer etwa 400 sm langen Reise das Ziel zu erreichen.
Zum Fang riggte man wieder um auf den normalen Mast und verzichtete auf das Topsegel, wie auch auf die abnehmbare Hütte im Achterschiff. Vor Ort wohnten die Fischer während der Fangsaison in einfach gezimmerten Fischerhütten in Strandnähe.

Wenn der Kabeljau auf den Lofoten einzog, arbeiteten die Fischer bis zur totalen Erschöpfung auf den Fischbänken. Netze wurden ausgebracht, eingepeilt und mit Bojen gekennzeichnet. Andere wurden wieder eingeholt, geleert und für den nächsten Fang bereit gemacht. Beim Fischen legten die Männer den Mast und verstauten ihn mit Rah und Segel so im Boot, dass er beim Fang nicht im Weg war. Beim Ausbringen und Einholen der Netze hielten je nach Windstärke 1-3 Leute an den Rudern das Boot im Wind, der Rest hantierte mit dem Geschirr. Dabei musste sehr geschickt vorgegangen werden, denn der Platz auf den Fischbänken war eng. Verfingen sich die Gerätschaften verschiedener Boote drohte Verlust und Streit.

Einholen der Netze

In den Wintermonaten veränderte sich, wie auch heute noch, das Leben auf den Lofoten schlagartig. Der Kabeljau zog über viele Jahre bis zu 20 000 Menschen auf die Inselgruppe. In den Jahren 1880 bis 1900 wurde mit 30 000 Zugereisten ein Höhepunkt erreicht. Von 1950 an begann die Zahl aber stetig zu sinken und ist seitdem drastisch zurückgegangen. 2008 waren es nach Angabe der Fischereiaufsicht 12 904 registrierte Fischer auf den Fangplätzen.

Aber es waren nicht nur Fischer, die es auf die Inselgruppe zog. Auch andere Berufsgruppen waren vertreten, wie Aufkäufer, Schauerleute, Handwerker und Händler. Manch Zugereister nutzte die Gelegenheit, sich dort mit Waren einzudecken, die am Wohnort schlecht zu bekommen waren.
Aber es waren nicht nur seriöse Händler, die vom Fischreichtum angezogen wurden. Die vielen Fischer brachten in ihrem Fahrwasser auch Prostituierte, Abenteurer und Herumtreiber mit auf die Inseln. In der Zeit zwischen den Weltkriegen gab es gar eine Hochzeit für Jahrmarktsunterhalter und Karusselbetreiber.
Anfang April war die Fangsaison dann beendet, der Zauber vorbei, die Fischerhütten leerten sich und standen verwaist bis zum nächsten Jahr.

Den siste viking

Riss - DEN SISTE VIKINGZur Tröndelagsausstellung 1930 wurde auf Betreiben des Schriftstellers und Lofot-Veteranen Johan Bojer noch einmal ein für den Typ repräsentatives Lofot-Boot gebaut - "Den Siste Viking".

Länge ü.A.: 16,45 m
Breite: 3,90 m
Segelfläche: 70 m2

1996 entstand im Museet Kystens Arv in Stadsbygd eine Kopie mit dem Namen "Den Siste Viking II" - Bootsbauer: Einar Borgfjord.
Dieses Boot gehört einer Bootsgruppe von 15 Leuten und wird durch das Museum betrieben. Es soll dabei helfen, die Erinnerung an die traditionelle norwegische Küstenkultur des Tröndelag wach zu halten und wird u.a. für Ausfahrten mit Schülern (der Fosen-Schule) oder mit Geschäftsleuten genutzt.

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 07. November 2011 um 20:01 Uhr