Rahsegelboote - Seite 5 PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail

Schweden

Spätestens die aufsehenerregenden Schiffsfunde von Gokstad und Oseberg haben die Auseinandersetzung mit dem Rahsegelrigg in Schweden neu entfacht. Es gab zahlreiche Versuche, das ikonographische Material, das mit den frühmittelalterlichen gotländischen Bildsteinen vorlag in Bezug auf die norwegischen Schiffsfunde zu deuten und so zu einer Rekonstruktion von Rigg und Segel zu gelangen. Anders als in Norwegen gab es in Schweden jedoch keine Fahrzeuge mit einfachem Rahsegel in lebendiger Nutzung mehr und die Auseinandersetzung blieb in der Hauptsache eine theoretische. Als man in Dänemark daran ging, den Skuldelev-Fund nicht nur archäologisch sondern auch experimentell aufzuarbeiten, bekam auch die Diskussion in Schweden neue Fahrt. Archäologische Funde aus dem eigenen Land, die nach und nach das Bild vom wikingerzeitlichen Schiffbau in Schweden vervollständigten, wurden nachgebaut und mit verschiedenen Riggrekonstruktionen erprobt.

Frühes Mittelalter - Wikingerzeit

Schiffs- und Bootsfunde aus der Wikingerzeit gibt es auch in Schweden. Keiner so aufsehenerregend wie die norwegischen (Oseberg und Gokstad) oder dänischen (Skuldelev und Roskilde) und deshalb außerhalb Schwedens kaum wahr genommen.

Bulverkbåten (Bulverket-Boot)

KrampmackenIn den 1920-er Jahren entdeckte man im Tingstäde Träsk auf Gotland die Überreste von drei Booten aus der späten Wikingerzeit (Dendrodatierung um 1130).
Der Archäologe Erik Nylen ließ in den frühen 80-ern des vergangenen Jahrhunderts eine 8 m lange Rekonstruktion des sogenannten Bulverket-Bootes aus diesem Fund für eine experimentelle Reise auf dem Ostweg der Waräger nach Istanbul bauen. Das Boot bekam den Namen „Krampmacken“ und wurde mit einem Segel ausgerüstet, dass den Vorbildern auf den gotländischen Bildsteinen nachempfunden war.
Erik NylenDie Intention des Projektes war aber weniger ein wirklich originalgetreuen Nachbau zu schaffen, als vielmehr die Möglichkeiten einer Reiseroute über die russischen Flussläufe zu erforschen. So wich man beim Bau des Bootes von den originalen Techniken der Wikingerzeit ab. Es sollte nicht auf die präzise Bauausführung ankommen, sondern auf das Ergebnis – ein Boot, dass die äußere Erscheinung des ursprünglichen Fahrzeugs wiedergibt und in derselben Weise benutzt werden kann. Dass bei unterschiedlichen Bauausführungen mindestens unterschiedliche Bootsgewichte (Boote mit gesägten Planken werden aus Festigkeitsgründen massiver und schwerer) erreicht werden, vernachlässigte man zunächst, wurde aber während der Expedition in wachsendem Maße auf dieses Problem aufmerksam.

"Aifur"

AifurDie Erkundung des Ostweges der Waräger ins Schwarze Meer, nach Konstantinopel und ins Kaspische Meer, bis an die historische Seidenstraße, ist in Schweden ein Thema, dass große Aufmerksamkeit in der Wissenschaft und Öffentlichkeit erfährt. 1992 baute man auf Gotland wieder ein Wikingerboot, dass diese Route befahren sollte. „Aifur“ wurde eine konstruktive Kombination von baulichen Details verschiedener historischer Wikingerfahrzeuge aus der Ostseeregion. Doch auch in diesem Fall wurde konventionell (mit zur Bauzeit zwar schon als historisch angesehenen aber dennoch nicht wikingerzeitlichen Bautechniken) gesägt und genagelt. Das Ergebnis war wieder ein Fahrzeug, dass der 1982 gebauten „Krampmacken“ sehr ähnlich war - starr, massiv und schwer.
Das Resümee aus den Reisen von 1994 (Sigtuna – Новгород ) und 1996 ( Новгород - Херсон):

"Experience gained from this expedition shows, that only very light vessels would be suitable for the northern part of the historic passage." - Originalbeitrag

„Aifur“ ist 9,00 m lang und 2,20 m breit. Der Bootskörper wiegt leer 800 kg (zum Vergleich: „Bialy Kon“ - Originalnachbau aus Eiche!, 9,00 m x 2,50 m – wiegt nur 650 kg).

Gokstadtenaering

HiminglävaMit den Erfahrungen aus den vorangegangenen Reisen entschied sich Håkan Altrock 1998 für den Nachbau eines klassischen, äußerst leichten und schnellen Bootes aus dem Fundus der erhaltenen Wikingerbootsfunde – das Gokstadtaendring. Er versah es mit einem 16 m² Rahsegel und 3 Paar Riemen.
Nach dem Stapellauf 2001 begannen in 2004 mit der „Himingläva“ die Durchführung der Expedition Vittfarne, die die bis zu neunköpfige Besatzung aus dem unteren Dnjepr über das Schwarze Meer, den Zentralen Kaukasus bis nach Baku im Kaspischen Meer führte.

HimlinglävaEs zeigte sich, dass auch dieses Boot nicht allen Anforderungen gewachsen war. Es ließ sich über lange Flussläufe leicht und ausdauernd rudern, beim Segeln auf dem offenen Meer konnte es zwar schnell werden, war dabei aber ungemütlich und nass. Jeder Quadratzentimeter an Bord war belegt mit Mannschaft und Ausrüstung. Bleibt die Frage, wie die Wikinger unter solchen Umständen Ladung transportiert haben.

Das Äskekärr-Schiff

Wrack des Äskekärr-SchiffesIn der Nähe der Mündung des Göta-Flusses fand man 1933 die Reste des Äskekärr-Schiffes und damit Schwedens einziges, gut erhaltenes Wrack aus der Wikinger-Zeit.
Es wurde auf um das Jahr 930 u.Z. datiert und war nach Erkenntnissen aus den Holzuntersuchungen beinahe 100 Jahre in Fahrt.
VidfamneDas Wrack wurde mehrere Male vermessen, sowohl während der Ausgrabung, als auch später. Diese Vermessungen bildeten die Grundlage für eine Modellrekonstruktion in den frühen 1990-er Jahren. 1994 konnte dann eine Vollskala-Rekonstruktion der Handelsknarr zu Wasser gebracht werden – die „Vidfamne“.

Der Fotevik 1 - Fund

Fotevik 1Der Befund in der Bucht von Fotevik ähnelt der Situation im Roskildefjord bei Skuldelev. Der Zugang in die Bucht war im frühen Mittelalter durch eine Sperre bestehend aus Pfahl- und Steinbarrieren geschützt. Auch hier verwendete man, wie auch in Skuldelev, mit Steinen beladene Schiffe zum Ausbau der Barriere. Insgesamt fand man 5 verschiedene Wracks.
Das Wrack mit der Bezeichnung Foteviken 1 wurde Anfang der 1980-er Jahre geborgen und konserviert. Das Fahrzeug wird als Leidang-Schiff gedeutet, welches während friedlicheren Zeiten auch als Fischer- oder Lastfahrzeug genutzt werden konnte.
Das Fotevikens Museum („Eric Emune“ von 1997) und die Sällstkapet Vikingatida Skepp („Starkodder“ von 1996) bauten je eine Rekonstruktion des Schiffes.

Ernic EmuneStarkodder

Das Galtabäck – Schiff

Galtabäck-WrackEin Schiffsfund aus dem Grenzbereich zwischen frühem und klassischem Mittelalter - mit anderen Worten – zwischen Wikingerzeit und Mittelalter.
In Galtbäck gleich südlich von Varberg entdeckte man erstmals 1908 erste Teile des Schiffswracks. Aber erst 20 Jahre später erfolgte eine Untersuchung und die Bergung der Schiffsteile, die daraufhin im Sjöfartsmuseet in Göteborg aufbewahrt wurden. Erste Vermutungen über Alter und Herkunft des Fundes lagen sehr weit auseinander.
GaltenWährend einer erneuten, wissenschaftlichen Untersuchung der Fundstelle und der bereits ausgegrabenen Wrackteile 1988 gelang es, die konstruktiven Merkmale des Schiffes zu erfassen, eine Rekonstruktionszeichnung zu erstellen und das Alter des Fahrzeugs auf 1195 zu datieren.
Ein eigens gegründeter Verein - Galtabäcksskeppets bygglag - fertigte 2008 in Zusammenarbeit mit dem Hallands Kulturhistoriska Museum und der Varbergs Kommun eine Rekonstruktion des Schiffsfundes und gab ihr den Namen „Galten“.

Mittelalter

Riksgropen-Boot 5

Helga HolmIn den Jahren 1979-80 fand man bei einer archäologischen Ausgrabung des sogenannten Reichsgrabens, gegenüber dem alten Reichstagsgebäude, auf dem Helgelandsholm die Reste von insgesamt 11 Booten, die vom 14. bis ins 17. Jahrhundert datiert wurden. Boot 5, datiert auf um 1325, wurde zur Vorlage für Schwedens ersten, mittelalterlichen Schiffsnachbau.
Neben dem 60 m² großen, rekonstruierten Rahsegel, verfügte das Boot über 8 Paar Riemen. In Bezug auf den Fundort wurde es „Helga Holm“ getauft.

Kalmar 1 - Wrack

AluettIn den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts fand man in der Umgebung des Kalmarer Schlosses neben den Resten weiterer Fahrzeuge das Wrack eines geklinkerten Bootes aus dem Mittelalter (12. Jhd.).
Nach den Aufmaßen der Originalteile wurde 1994-95 ein Nachbbau fertig gestellt – die „Aluett“.
Das Boot ist in nordischer Klinkerbauweise gebaut, ein offenes Fahrzeug, das schon einige typische Merkmale der hochmittelalterlichen Koggen aufweist. Es ist ein breites, gedrungenes und relativ schweres Schiff mit Stevenruder und kräftige Querbalken, die durch die Außenhaut geführt und mit ihr verzahnt sind. Das Fahrzeug führte ein einziges großes Rahsegel und besaß wohl 4 Manöverriemen.

Skanör-Kogge

Tvekamp av Elbogen1992 entdeckten Marinearchäologen des Foteviken Museums das Skanör-Wrack. Durch Vergleiche mit der in der Weser bei Bremen gefundenen Kogge von 1380 konnte man den Fund während der Ausgrabung und Dokumentation 1994/95 ebenfalls als Kogge identifizieren, die zudem mit der Datierung auf 1390 fast zeitgleich gebaut worden war.
Die „Tvekamp av Elbogen“ ist eine wissenschaftliche Vollskala-Rekonstruktion des Wrackfundes mit handwerklichen Methoden. Es wurde das größte mittelalterliche Schiffbauprojekt des Nordens und entstand von 1998 – 2003 in Malmö.

Enighet av ElbogenAlmere-Kogge

Die Almere-Kogge ist eigentlich ein holländischer Koggenfund aus dem Bereich der eingepolderten Zuiderzee gleich östlich von Amsterdam.
Er wurde 1986 ausgegraben und dokumentiert.
Die „Enighet av Elbogen“ ist eine Rekonstruktion dieses Fundes von ca. 1430, gebaut 2002 ebenfalls in Malmö.



Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 16. Februar 2012 um 19:04 Uhr