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Dänemark

Danske JagtIn Dänemark haben sich jüngere Segeltypen, besonders das Spriet- aber auch das Gaffelrigg, schon früh durchgesetzt und das Rahsegel verdrängt. Die Boote wurden mit dem Wechsel des Riggs konstruktiv verändert und angepasst. So kann man bei einigen der überlieferten traditionellen Danske Jagt mit GaffeltakelungSegelfahrzeuge aufgrund ihrer langen Entwicklungsgeschichte und aus schriftlichen und bildlichen Quellen zwar vermuten, dass sie ursprünglich ein Rahsegel gefahren haben, Hinweise darauf kann man auf den Fahrzeugen selbst aber nicht mehr finden. Dennoch wurden in Dänemark die Grundlagen für das Verständnis und die umfassende Rekonstruktion dieses Riggtyps gelegt. Das begünstigte in hohem Maße die Wiederentdeckung der Rahsegelboote und das Wiederaufleben der Rahsegeltradition im nördlichen Europa.

1957 begannen Archäologen im Roskildefjord bei Skuldelev mit der Bergung von 5 Wracks aus der Wikingerzeit. Es folgte eine detaillierte Untersuchung und Erfassung des Fundmaterials bereits mit dem Ziel, wenn möglich eine genaue Kopie zumindest eines der Schiffe zu bauen. Von der Takelage und den Segeln selbst war allerdings so gut wie nichts erhalten. Aus den vorhandenen Riggspuren schloss man, dass alle Schiffe ein Rahsegel getragen hatten und begann mit einer umfangreichen Forschungsarbeit und Spurensuche. Man knüpfte eine enge Verbindung nach Norwegen, wo rezente Boote vorhanden und teilweise noch in Fahrt waren, sammelte Material und stellte fest, dass sich die Spuren mit denen vom Skuldelev-Fund in Deckung bringen ließen. Mit den Erkenntnissen aus älteren Schiffsfunden fügte sich alles Stück für Stück zu einem Bild zusammen.

Die Skuldelev-Schiffe2006 sind alle 5 Schiffe rekonstruiert, nachgebaut und mit einem Rahsegelrigg ausgestattet, das sich während vieler Tests und auf ausgedehnten Versuchsfahrten als funktionstüchtig erwiesen hat.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt befinden sich in Dänemark wieder ca. 60 Rahsegelboote in Fahrt – weitere Nachbauten der Skuldelev-Schiffe oder weiterer Funde aus Wikingerzeit und Mittelalter, aber auch Kopien von Arbeitsbooten aus Norwegen und von den Färöer-Inseln.

Die Wikinger-Flotte

Die Skuldelev-Schiffe

Das kleine Handelsschiff

Skuldelev-3Das Skuldelev-3-Boot war der am besten erhaltene Teil des Skuldelev – Fundes. Ganze 75% des Rumpfes waren bewahrt, so dass es ziemlich genau rekonstruiert werden konnte.
Skuldelev-3-Rekonstruktion ROAR EGEIn der Wikingerzeit nutzte man das Boot sehr wahrscheinlich für den Transport von Waren und zur Handelsfahrt in den Gewässern um die dänischen Inseln und in der südlichen Ostsee.
Vorwärtsgetrieben wurde es hauptsächlich durch ein 46m2 Rahsegel aus Wollstoff. Solch ein Segel wurde auch für den Nachbau des Vikingeskibsmuseet Roskilde („Roar Ege“) aus handgesponnener und -gewebter Wolle hergestellt. Es gibt Hinweise darauf, dass das Boot zum manövrieren noch bis zu 5 Ruder mitführte.
Die Ladekapazität betrug ca. 5t.

Das große Handelsschiff

Skuldelev-1-FundBei diesem Schiff handelt es sich um ein seetüchtiges Fahrzeug, das die Wikinger „Knar“ nannten. Seine kräftige und füllige Bauweise sichert dem Schiff eine außergewöhnliche Seetüchtigkeit und große Tragfähigkeit. Bis zu 20t Ladung passen in die beiden geräumigen Laderäume vor und achterlich des Mastes. Diese Art von Schiffen brachte Fracht bis nach Grönland. Der Fund 1 von Skuldelev war aber vermutlich überwiegend nach Süden, über die Nord- und Ostsee unterwegs. Darauf deuten seine Seegängigkeit, kombiniert mit einem bemerkenswert geringen Tiefgang, Skuldelev-1-Rekonstruktionder es dem Schiff erlaubte, flache Buchten und Flussläufe anzulaufen.
Das Schiff ist ein reines Segelfahrzeug, abgesehen von möglichen Manöverriemen. Sein 90m2 Wollsegel bringt es auf eine Geschwindigkeit von 12,5kn. „Ottar“ - der Nachbau des Vikingeskibsmuseet Roskilde wird zur Erforschung von Leistungsvermögen, Geschwindigkeit und Aktionsradius wikingerzeitlicher Handelsschiffe eingesetzt.

Das Mehrzweck-Boot

Skuldelev-6-FundSkuldelev 6 ist ursprünglich als verhältnismäßig flachbordiges Fischerboot gebaut worden. Es hatte nicht weniger als 14 Ruderplätze, die aber während des Fischens nicht alle genutzt wurden, da Fanggerät und Fang viel Platz wegnahmen.
Kraka FyrZu einem späteren Zeitpunkt ist das Boot zu einem Frachtfahrzeug umgebaut worden. Dazu setzte man einen Plankengang auf und steifte ihn mit zusätzlichen Auflangern ab. Mit den ohnehin schon ungewöhnlich tief liegenden, kräftigen Querbalken ergab sich ein komfortabler Laderaum – ideal, um vielleicht Heringstonnen zu transportieren.
Auf dem Boot ist ein 25m2 Segel rekonstruiert worden. Ob die Größe des Segels beim Umbau zum Frachtfahrzeug angepasst wurde ist unbekannt.

Das kleine Kriegsschiff

Skuldelev-5-FundBoot 5 des Skuldelev-Fundes ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein Leddingeschiff gewesen. Mit diesen Schiffen organisierte man in der Wikingerzeit die Küstenverteidigung, konnte die an verschiedenen Orten stationierten Fahrzeuge aber auch leicht zu einer Flotte zusammenziehen. Diese Flotte bestand laut mittelalterlichen Saga- und Rechtstexten aus 13- bis 35-Sessern. Eine Sesse bezeichnet eine Ruderbank mit zwei Ruderern. Skuldelev-5 ist ein 13-Sesser und hat 26 Ruderplätze. Zusätzlich konnte ein 50m2 Rahsegel gesetzt werden, mit dessen Hilfe das Schiff und seine 30 Mann Besatzung bis zu 15kn schnell werden konnten.
Helge AskLeddingeschiffe wurden von einer regionalen Gemeinschaft im Auftrag des Königs gebaut und unterhalten. Das hieß auch damals mit wenig Kosten für die eigene Gemeinde den König zufrieden zu stellen. Das Schiff ist auf sichtbar einfache, aber dennoch formschöne Weise immer wieder mit teilweise wieder aufgearbeitetem Material von anderen Schiffen repariert worden. Es spiegelt deshalb auf eine sehr lebendige Weise die Werte und die gesellschaftliche Organisation der Wikingerzeit.

Das große Kriegsschiff

Skuldelev-2-FundDas Skuldelev-2-Wrack ist nach der Entdeckung des Ladby-Schiffes und neben dem 1974 in Haithabu gefundenen Schiff (Haithabu-Wrack 1) ein Vertreter der Gattung Langschiff – das, was wir mit dem Drachenschiff der Wikinger verbinden. Es ist das seegängige Kriegsschiff, das in der Skalden- und Sagaliteratur mit dem Namen „Skeid“ bezeichnet und gepriesen wird. Wer solch ein Schiff in Auftrag gab und unterhielt, stand in der Wikingergesellschaft in einer hervorgehobenen Position. Das Schiff beeindruckt nicht nur durch seine schlichte Größe, sondern auch durch die gehobene Eleganz und die Solidität der Bauausführung. 65-70 Krieger und Seeleute waren auf ihm im ganzen skandinavischen Einflussbereich um die irische See und mit einiger Wahrscheinlichkeit während der Invasion von England im Spannungsfeld zwischen Wilhelm dem Eroberer (Normandie), Harald Hardrada (Harald III., Norwegen) und Sven Estridson (Dänemark) unterwegs.
HavhingstenDementsprechend hat die dendrochronologische Untersuchung von Holzproben ergeben, dass das Schiff nach skandinavischer Bautradition um 1042 in der Region um Dublin in Irland gebaut wurde. Sein ca. 120m2 großes Segel trug es durch eine dramatische Zeit, bis es um 1070 als Seesperre in der Zufahrt zur dänischen Königsstadt Roskilde versenkt wurde.
„Havhingsten fra Glendalough“ - der Nachbau des Skuldelev-2-Schiffes (Stapellauf 2004) absolvierte nach einer grundlegenden Testphase 2007 eine Reise nach Dublin via Südnorwegen, Orkneys, Innere Hebriden und Irische See. 2008 kehrte es dann durch den Englischen Kanal und den Limfjord nach Roskilde zurück.

Einzelfunde

Zeichnung GislingebootDas Hof-Boot

Das Gislinge-Boot wurde im heute eingepolderten und trockengelegten Lammefjord gefunden. Streng historisch gesehen, stammt es eigentlich aus dem Mittelalter zeigt aber eine noch so lebendige wikingische Bautradition und Formensprache, dass es in der Kategorie genannt sein soll.
EstridEs ist für den Gebrauch im flachen Fjord gebaut, als universell einsetzbares Boot zum Transport von Menschen und kleinen Lasten. Ungefähr 1t oder 4 Mann und 10 Schafe hat der Nachbau des Vikingeskibsmuseet versuchsweise transportiert. Das Boot hat Anlagen für 3 Riemenpaare und kann von bis zu 6 Personen gerudert werden. Ein 10m2 Rahsegel wurde ebenfalls rekonstruiert.

Modell des Ladby-SchiffesLadby-Schiff

Bei der grabungstechnischen Öffnung einer Wikingergrabstätte in der Nähe des Kerteminde Fjord entdeckte man 1935 ein Langschiff. Während der archäologischen Untersuchung stellte man fest, dass das Schiff um das Jahr 925 auf Land gezogen worden war, um einem toten Wikingerfürsten als Sarkophag zu dienen. Vom Schiff selbst blieb nur ein Abdruck zurück. Die genaue Vermessung von ca. 2000 Nägeln und Nieten ermöglichten es trotzdem, die Form des Schiffes mit einiger Wahrscheinlichkeit zu rekonstruieren. Imme GramSchon relativ früh – 1963, baute man eine erste Kopie des Schiffes mit dem Namen „Imme Gram“ die in Dänemark sehr populär geworden ist, dessen Form aber durch neuere Forschungen teilweise revidiert wurde.
Das Marinarkæologisk Forskningscenter in Roskilde hat 1998 den dokumentierten Fundkomplex am Computer und mit einem neu entwickelten Plexiglasmodell noch einmal überarbeitet und eine neue 3D-Projektion entworfen. Seitdem gibt es Pläne, eine neue Kopie des Ladby-Schiffes in originalgetreuer Bauweise auf Stapel zu legen.

Nachbildungen – Fantasy

Ob man es Fantasie nennt oder Imagination, oder von Vorstellungskraft spricht – etwas davon treibt Menschen an, sich ihre eigenen Bilder von Wikingerschiffen zu machen. Auf die eine oder andere Weise entstanden auch in Dänemark freie Interpretationen dessen, was man für ein wikingisches Seefahrzeug oder norwegisches Fjordboot hält. Für einen Außenstehenden sind sie manchmal nicht leicht zu erkennen. Begriffe, wie Kultur, Geschichte oder Wikinger werden oft als Werbeschlagworte für einen kommerziellen Betrieb von Booten ausgebeutet. Wirklich Historisches kann man in diesem Bereich jedoch schwer kostendeckend hervorbringen.

Die Mittelalter-Flotte

Ellingå-Schiff

Der Ellingå-SchiffsfundEs ist vieldiskutiert, ob der Ellingå-Schiffsfund aus Nordjütland noch als Wikingerschiff oder schon als mittelalterliches Schiff angesprochen werden sollte. Typisch aus unserer heutigen Sicht ist es in keinem Fall. Imme StruerObwohl das Original um 1163 gebaut worden sein soll, hat es viel von der Erscheinung eines Wikingerschiffes. Der Fund kann heute im Bangsbo-Museum besichtigt werden.
1968 begann eine Pfadfindergruppe aus Århus mit einem im großen und ganzen originalgetreuen Nachbau. Nach einer wechselvollen Geschichte dieses Schiffes wurde es 2003 von Struer-Museum erworben und wieder instandgesetzt.

Gedsby-Schiff

Agnete1985 machte man bei Gedesby in Südfalster einen ganz einzigartigen Schiffsfund. Auf dem Gebiet eines verlandeten Noores, unter 5m Sand begraben, fand man bei Melorationsarbeiten das ungewöhnlich gut erhaltene Wrack eines Schiffes aus dem Mittelalter. Sogar Reste des Riggs blieben bewahrt.
Der Fund wurde vom Nationalmuseet geborgen, aufgenommen, konserviert und rekonstruiert. Er erwies sich als wichtiges Bindeglied, zwischen den Frachtschiffen der Wikingerzeit und den Koggen des Hochmittelalters und verwies mit konstruktiven Details in beide Perioden.
Agnete als HandelsschiffBei dem Fahrzeug handelte es sich ursprünglich wohl um ein kleineres Handelsschiff mit einem einzigen großen Rahsegel, das im 12. Jahrhundert von Lolland-Falster aus über die Ostsee landwirtschaftliche Produkte in die norddeutschen Küstenorte verhandelte.
In Zusammenarbeit mit dem Nationalmuseet fertigte man im Middelaldercenter in Nykøbing (Falster) eine genaue Rekonstruktion des Schiffsfundes.
Die anschließenden Versuchsfahrten mit der „Agnete“ brachte den Schiffsarchäologen wichtige Erkenntnisse über Segeleigenschaften, Tragfähigkeit und das Leistungsvermögen dieses Schiffstyps in der Küstenschiffahrt.

Jüngere Rahsegelboote

Die norwegischen Boote

Unter dänischer Flagge fahren auch einige norwegische Boote, sowohl in privatem, als auch in Museumsbesitz. Das Vikingeskibsmuseet Roskilde hat zum Beispiel eine kleine Sammlung west- und nordnorwegischer Boote. Dazu gehören Nordlandsboote und Åfjordsboote aus dem Norden, Oselver-Boote und Sunnfjordboote aus dem Westen Norwegens.

RanaLivBørnefjordSunnfjord

Die Färöer-Boote

GeirfuglenDie Färöer-Inseln muten an, wie von Riesen beim Spielen verlorenen Felsbrocken – mitten im Atlantik – mit der Zeit begrünt und besiedelt.
Das Boot ist das wichtigste und oft einzige Verkehrsmittel. Es muss fortwährend extremsten Bedingungen standhalten.

BootstransportGrößere Färöer-Boote trugen von alters her Rahsegel. Erst nach 1850 begann die Umstellung auf das neue Lugger-Rigg, das selbst noch eine Art modifiziertes Rahsegel-Rigg darstellt. Deshalb haben sich die Boote in ihrer Form kaum verändert. Sie sind flach und ein wenig füllig gebaut und zum sicheren Aufziehen auf die Klippen extrem leicht. Die schmalen, leichten Riemen sind eigentlich das Hauptantriebsmittel – brauchbar in jeder widrigen Situation auf See. Das relativ kleine und niedrig geschnittene Rahsegel kann bei Wind und Wetter lange und sicher getragen und schnell geborgen werden.
Färöer-Boote gelten in Dänemark als die seetüchtigsten Kleinboote.

Trolle

 

 

 

 

 



Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 16. Februar 2012 um 19:04 Uhr